ERP Service Management bei Wallenius Wilhelmsen Logistics

 
Referenz
Winkelmann, Axel (2011): Fallstudie Wallenius Wilhelmsen Logistics, in: Koch, Michael; Schubert, Petra (Hrsg.): Wettbewerbsfaktor Business Software, S. 71 - 84, München: Hanser Verlag, 2011
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Inhaltsverzeichnis:

1. Unternehmensprofil

Hintergrund, Branche, Produkt und Zielgruppe
Die Wallenius Wilhelmsen Logistics Germany GmbH (kurz: WWL) ist eine 100%-Tochter zweier Reedereien aus Oslo und Stockholm. Beide Reedereien haben zusammen ca. 70 Roll-On-Roll-Off-Fähren, die von der Muttergesellschaft in Oslo genutzt werden. Die deutsche WWL hat ca. 350 Mitarbeiter und beschäftigt sich insbesondere mit der Inlandsdistribution von Neu- und Jungfahrzeugen und entsprechenden technischen Dienstleistungen im Rahmen der Zwischenlagerung, Endmontage und des Aufarbeitens von Fahrzeugen. WWL hat neben dem deutschen Hauptstandort in Lehrte vier Niederlassungen in Hakenstedt, Zülpich, Ötigheim und Lage/Detmold. Darüber hinaus existieren vier Auslandsniederlassungen in Bulgarien, Tschechien, Polen und Spanien, die ausschließlich dem Geschäftsbereich Transport zugeordnet sind und keine ergänzenden Dienstleistungen anbieten.

WWL verfügt über einen Lkw-Fuhrpark mit ca. 300 Lkw, die dazu genutzt werden, neue und junge gebrauchte Lkw, Pkw und Landmaschinen durch Europa zu transportieren. Zusätzlich bietet WWL auf rund 500.000 qm seinen Kunden aus der Automobilindustrie Stellfläche für die Zwischenlagerung von rund 25.000 Autos. Neben der reinen Lagerung können die Fahrzeuge im Rahmen der technischen Dienstleistungen entsprechend den individuellen Anforderungen aufbereitet werden. Dabei stellt beispielsweise ein Automobilhersteller neue, mit Schutzfolie konservierte Fahrzeuge auf das WWL-Gelände und erwartet technische Dienstleistungen in Form von Endkonservierung, Einbau von Sonderwünschen, Reinigung, Betankung und Auslieferungsinspektion bis hin zur Auslieferung des Fahrzeugs durch WWL. Die technischen Dienstleistungen können dabei soweit gehen, dass Standardfahrzeuge für spezielle Kunden, wie z.B. Handwerksbetriebe, mit Regalsystemen etc. ausgestattet werden.

Als europaweit tätiger Fuhrpark-Logistiker zählt WWL zu den größeren Unternehmen in dieser Branche. Der Wettbewerb ist allgemein als sehr intensiv zu bezeichnen. Integrierte und flexible IT-Systeme sind daher ein zunehmend wichtiger Wettbewerbsfaktor, da von den Auftraggebern vor allem die Zur-Verfügung-Stellung von Informationen direkt in ihren IT-Systemen gefordert wird, um die erbrachte Logistikleistung bzw. die technische Dienstleistung erfassen und monitoren zu können. Somit müssen die in der Software abgebildeten Prozessabläufe entsprechend flexibel an die jeweiligen Anforderungen des Auftraggebers angepasst werden können. WWL richtet sein Produktportfolio maßgeblich an Automobilhersteller, Autohäuser, Leasinggesellschaften, Fuhrparkmanager und Automobilvermieter, die Fahrzeuge von Standort A nach B bringen lassen müssen oder technische Dienstleistungen für Neufahrzeuge oder Leasingfahrzeuge benötigen.

Stellenwert von Informationstechnologie im Unternehmen
WWL verfügt über zwei wichtige betriebliche Anwendungssysteme. Für alle Transportdienstleistungen wird ein Transportmanagementsystem eingesetzt, das im Wesentlichen losgelöst vom zentralen ERP-System betrieben wird. Hinzu kommen bei den Lkw Telematik-Einheiten zur Auftragsübermittlung und zentralen Auswertung der Standorte und Routen der Lkw. Für den Bereich Technische Dienstleistungen wird ein zentrales ERP-System eingesetzt, in dem alle Vorgänge erfasst werden. Darüber hinaus existiert ein EDI-Frontend zur Datenintegration in Richtung Automobilkunden sowie eine Bewertungsdatenbank, um Schäden an zu überarbeitenden Gebrauchtfahrzeugen im Rahmen der technischen Dienstleistungen klassifizieren und bewerten zu können.
Der Stellenwert der IT ist im Unternehmen traditionell dem Business untergeordnet, wenngleich immer eine eigene IT-Abteilung existierte. Im Zug des stärker werdenden Wettbewerbs hat die Bedeutung der IT in den letzten Jahren sehr stark zugenommen. Hierbei ist insbesondere zu bemerken, dass aus Kundensicht die digitale Übermittlung der Standort- und Zustandsinformationen der Fahrzeuge eine ebenbürtige Bedeutung zu den tatsächlichen Leistungen des physischen Transports und der technischen Dienstleistungen eingenommen hat. Darüber hinaus ist es für WWL zunehmend wichtiger geworden, einzelne Arbeitsschritte an den Fahrzeugen im Rahmen der technischen Dienstleistungen im ERP-System festhalten und automatisiert steuern zu können.

2. Ausgangssituation für das Projekt (ex-ante Sicht)

Ausgangslage
Die Mitarbeiter in der Verwaltung von WWL arbeiteten bereits vor dem in dieser Fallstudie beschriebenen Einführungsprojekt intensiv mit verschiedenen betrieblichen Anwendungssystemen. Sie sind entsprechend gut im Umgang mit IT-Systemen vertraut. Im Gegensatz dazu hatten die Arbeiter (Kfz-Mechaniker, Fahrer etc.) auf den Stellflächen und Montageplätzen vorher kaum Berührungspunkte zur IT. Die Übermittlung von Arbeitsinformationen erfolgte zumeist papierbasiert. Das Unternehmen arbeitete unabhängig von externen Wertschöpfungspartnern.

WWL beschäftigt etwa 350 Mitarbeiter. Davon sind sieben Mitarbeiter mit dem Betrieb der EDV-Landschaft beschäftigt. Alle Anwendungssysteme für die beiden Geschäftsbereiche Transport und technische Dienstleistungen werden hausintern gewartet und betrieben.
Die aus Sicht der Verwaltung abzubildenden Prozesse sind relativ einfach; allerdings sind alle operativen Prozesse im Bereich technische Dienstleistungen sehr variantenreich. Sie können aus fünf oder aber auch deutlich über 100 verschiedenen Einzeltätigkeiten bestehen. Typischerweise gibt der Auftraggeber vor, wie ein Prozess abzulaufen hat. Daraus resultiert die Notwendigkeit, flexibel reagieren und die nachgefragten Dienstleistungen und Rahmenparameter im ERP-System abbilden zu können.

Motive und Ziele
Bis ca. 2005 arbeitete WWL im Bereich der technischen Dienstleistungen mit einem AS/400-basierten ERP-System, das alle grundlegenden Anforderungen des Kerngeschäfts erfüllte. Die Software-Lizenz lief jedoch Ende 2005 aus, ohne dass eine Möglichkeit zur verlängerten Nutzung der Software bestand. Aus diesem Grund stand das Einführungsprojekt zunächst unter dem Ziel, den Status Quo mit einer neuen Software zu halten und damit die Geschäftsfähigkeit des Unternehmens im Bereich der technischen Dienstleistungen weiter zu gewährleisten. Eine Prozessinnovation oder das Nutzen neuer Funktionalitäten war zunächst nicht im Betrachtungsfokus. Allerdings schuf das neue ERP-System zahlreiche neue Möglichkeiten, die sukzessive in den Geschäftsbetrieb von WWL eingebracht wurden.

Erwarteter Nutzen
Im Gegensatz zu traditionellen ERP-Auswahlprojekten, bei denen bei einer Ablösung einer nicht mehr ausreichenden Altlösung durch ein neues System entsprechende Zielsetzungen und Erwartungen im Vordergrund stehen, verfolgte WWL in erster Linie nicht die Erzielung eines zusätzlichen Nutzens. Primäres Ziel war die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs im Bereich der technischen Dienstleistungen (Halten des Status Quo). Darüber hinaus gab es die Anforderung, dass das neue System eine bessere Integration von Finanzbuchhaltung und operativem ERP-System ermöglicht.

Da das Unternehmen weder ein klassisches Handels- noch Service-Unternehmen ist, wurde ein entsprechend hohes Customizing des auszuwählenden Systems für die eigenen Dienstleistungsprozesse erwartet. Die Service-Management-Module der ERP-Hersteller wurden daher bei der Systemauswahl besonders intensiv betrachtet. Insbesondere die jeweilige Workflowfunktionalität wurde als wichtig angesehen, da die technischen Dienstleistungsprozesse für jeden Auftraggeber, teilweise sogar für jede Modellreihe variieren und die Prozesse automatisiert durch das neue ERP-System unterstützt werden sollten.

Entscheidungsprozess und Investitionsentscheidung
Aufgrund der Notwendigkeit zur Sicherung des Dienstleistungsgeschäfts standen Investitionsrechnungen in Form von ROI-Berechnungen nicht im Vordergrund der ERP-Entscheidung.
Für die Softwareauswahl wurde das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik als Fachexperte für logistische IT-Systeme hinzugezogen. Gemeinsam wurde ein 122 Seiten umfassendes Pflichtenheft erarbeitet, in dem Funktionen, Abläufe, Schnittstellen und Service-Anforderungen definiert wurden. Nach einer Vorauswahl durch die Fachexperten wurden zwölf ERP-Hersteller in die nähere Auswahl gezogen und mit den Erfordernissen konfrontiert. Diese erhielten Gelegenheit, sich dazu zu äußern und ihre Möglichkeiten und Vorstellungen zu präsentieren. In der eigentlichen Endauswahl wurde die Auswahl auf drei Hersteller reduziert, die dann in Workshops unter Einbezug von IT- und Fachabteilungsmitarbeitern aus dem Bereich der technischen Dienstleistungen der WWL ihre Standardsoftware und deren Möglichkeiten präsentierten. Die Entscheidung fiel zu Gunsten des ERP-Systems der Firma godesys auf Grundlage des erfüllten Funktionsgrades sowie der Möglichkeit, individuelle Anpassung in Form eines Customizing durchführen zu können, ohne die Releasefähigkeit zu verlieren. Die Lizenz- und Implementierungsaufwendungen befanden sich ebenfalls in dem erwarteten Budgetrahmen.

Vorstellung der Partner
godesys AG
Die godesys AG wurde 1992 als GmbH mit dem Ziel der Entwicklung von betriebswirtschaftlicher Standardsoftware gegründet. Das inhabergeführte Unternehmen entwickelt und vertreibt mit rund 65 Mitarbeitern eine ERP-Standardlösung im Bereich Handel, Dienstleistung und Projektierung. An insgesamt sieben Standorten betreut godesys mittelständische Kunden u.a. aus dem Bereich Logistik und Service Management.
Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML)
Das IML berät Unternehmen aller Branchen und Größen in Fragen rund um Materialfluss und Logistik. Als Berater und Forscher unterstützt das IML bei neuen Aufgaben und Anforderungen und hilft bei der Optimierung der inner- und außerbetrieblichen Logistik. Zudem realisiert das IML Soft- und Hardware-Lösungen und unterstützt bei Softwareauswahlprojekten im Logistik-Umfeld.

3. ERP-System-Implementierung für technische Dienstleistungen

Geschäftssicht und Ziele
Abb. 1 zeigt die Wertschöpfungskonstellation des vorgestellten Projekts in einer Übersicht. Es stellt die in dem zu diskutierenden Kontext relevanten Ausschnitte des Marktschemas exemplarisch dar. Grundsätzlich ist der Prozess der technischen Dienstleistung für jeden WWL-Kunden – teilweise sogar für jedes Fahrzeugmodell des Kunden – variierend. Das Business Szenario zeigt die Beteiligten in ihren Rollen, die im Kontext wichtigsten Prozesse sowie die Austauschbeziehungen zwischen diesen Prozessen.

Bei der Einführung des godesys ERP-Systems wurden keine wesentlichen neuen Ziele gesetzt, da es aufgrund des Ablösedrucks für das Altsystem zunächst darum ging, zu einem verlässlichen Zeitpunkt einen Übergang vom Alt- auf das Neusystem zu erreichen und zugleich den Status Quo zu wahren. Im Rahmen der Geschäftssicht war es wichtig, die grundlegenden Funktionalitäten im Bereich der technischen Dienstleistungen aufrecht zu halten.


Abb. 1: Exemplarische Austauschbeziehungen Abwicklung technische Dienstleistungen

Typischerweise erhält WWL im Rahmen einer Ausschreibung den Auftrag für eine technische Dienstleistung, deren Abläufe im ERP-System hinterlegt werden müssen. Im Regelfall werden Neu- oder Jungfahrzeuge an den Logistikstandorten von WWL gelagert, die zu einem entsprechenden Zeitpunkt von Automobilherstellern, Autohändlern etc. abgerufen werden. Im Rahmen der technischen Dienstleistungen muss dabei sowohl die Fahrtüchtigkeit als auch die korrekte Ausstattung der Fahrzeuge durch die WWL-Mitarbeiter sichergestellt werden. Die erbrachten technischen Leistungen variieren dabei unter Umständen nach Fahrzeugtyp, Baujahr, Modell, km-Stand oder Farbvariante. Die technische Dienstleistung kann von der Wiederherstellung und Reinigung bis zur Ausstattung von Fahrzeugen für bestimmte Sonderwünsche reichen. Im Durchschnitt durchläuft ein Fahrzeug fünf bis sieben Service-Stationen, es können theoretisch aber auch 150 sein. Das Fahrzeug wird anschließend mit der eigenen Lkw-Flotte oder einem externen Spediteur ausgeliefert.

Prozesssicht
Im Rahmen der technischen Dienstleistungen bietet WWL seinen Kunden variable Prozesse und Leistungen an. Beispielhaft ist in Abb. 2 der abstrahierte Prozessablauf für die Rücknahme von Leasingfahrzeugen dargestellt, die instandgesetzt und zu einem späteren Zeitpunkt ausgeliefert werden sollen. Nach der Fahrzeuganlieferung und -reinigung werden diese zunächst durch entsprechende WWL-Fachexperten unter Nutzung einer Bewertungsdatenbank inspiziert, so dass die Schäden klassifiziert und bewertet werden können und das Fahrzeug eingelagert wird. Auf dem Stellplatz wird das Fahrzeug nach Abruf für die Kunden repariert, final gereinigt und zum Transport bereitgestellt. Mit dem Auftrag zum Transport erfolgt die Auslieferung. Die Transportlogistik wird dabei über das eingesetzte Transportmanagementsystem informationstechnisch unterstützt.

Während die Innendienstmitarbeiter typischerweise vollen Zugriff auf das ERP-System haben, sind die Mitarbeiter im Außenbereich lediglich mit mobilen Datenerfassungsgeräten ausgestattet, um den Arbeitsschritt-Status zu erfassen. Diese Informationen werden durch Scannen eines Barcodes mit den mobilen Geräten automatisch in das ERP-System übernommen. Nach Vorgaben des Kunden werden bestimmte Statusinformationen von dort elektronisch an diesen übermittelt. Die Möglichkeit des godesys ERP-Systems, mobile Datenerfassungsgeräte anzuschließen, erlaubt es, Daten von einfachen Tätigkeiten einzuspeisen, ohne dafür einen Computer mit entsprechender Nutzerschulung einsetzen zu müssen.



Abb. 2: Beispiel für den Prozessablauf für technische Dienstleistung eines Autovermieters

Anwendungssicht
Das godesys ERP-System ist das maßgebliche zentrale Anwendungssystem für die Erbringung der technischen Dienstleistungen. Über die Workflow-Komponente wird der Dienstleistungsprozess entsprechend der vorgegebenen Variante gesteuert. Mitarbeiter im Verwaltungsbereich bedienen das godesys-System über einen Terminalserver-Zugang. Im Außenbereich nutzen die Mitarbeiter mobile BDE-Geräte zur Status-Erfassung. Damit werden alle erfassten Daten direkt in das System eingelesen. Die Daten werden quasi in Echtzeit erfasst (die Datenübertragung erfolgt per WLAN), eingelesen und vom System bearbeitet, so dass jeweils ein aktueller Zustand zu jedem zu bearbeitenden Fahrzeug zu jeder Zeit vorliegt.


Abb. 3: Anwendungssicht von WWL in Bezug auf technische Dienstleistungen

Bei der Bewertung der am Fahrzeug vorliegenden Abnutzungen oder Schäden steht (unabhängig vom ERP-System) zusätzlich eine Bewertungsdatenbank zur Verfügung. Über eine Schnittstelle ist das Bewertungssystem mit der ERP-Software verbunden und die Bewertungsergebnisse steuern gemäß Kundenvorgaben den weiteren Prozessverlauf. Die Statusmeldungen und weitere erforderliche Informationen werden den WWL-Kunden bzw. WWL-Auftraggebern elektronisch über ein Konverter-Tool per EDI-Nachricht zur Verfügung gestellt. Dieses Tool bereitet die Daten passend für das jeweilige Kundensystem auf und sorgt dafür, dass der Kunde direkten Zugriff auf die aktuellen Systemdaten hat. Abb. 3 verdeutlicht die wichtigsten Beziehungen.

Technische Sicht
Die Mitarbeiter der WWL arbeiten hausintern über die ERP-Client-Software auf dem godesys ERP-System. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, extern per Citrix- oder Remote-Desktop-Verbindung auf das System zuzugreifen und somit verteilt an verschiedenen Standorten zu arbeiten. Mitarbeiter im Außenbereich arbeiten vor allem mit mobilen Datenerfassungsgeräten (MDE), um Ankünfte, durchgeführte Arbeiten und Statusmeldungen der Autoüberarbeitung protokollieren zu können. Diese Informationen werden direkt in das ERP-System geschrieben und stehen über AXWAY-EDI-Konverter den Auftraggebern zur Verfügung (vgl. Abb. 4).


Abb. 4: Technische Sicht WWL (mit Bezug zu den technischen Dienstleistungen)
Das ERP-System baut im Wesentlichen auf zwei Serversystemen für die Aufgabenbereiche ERP-Applikation und ERP-Datenbank sowie weitere Schnittstellen-Server und Print-Server auf (vgl. Tab. 1).

Tab. 1: Spezifikationen und Merkmale der wesentlichen Hardwaresysteme


Darüber hinaus existieren für den Bereich der Entwicklung und der Qualitätssicherung bzw. des Backups sowie weitere funktionale Aufgaben zusätzliche Serversysteme, die gewartet werden müssen. WWL setzt entsprechend einheitlich auf Windows-Server-Technologie. Für die Systeme sind im operativen Bereich bei Problemen primäre Reaktionszeiten von vier Stunden vereinbart (zwischen Business und IT).

4. Einführungsprojekt und Betrieb

Konzeption, Entstehung und Roll-out der Lösung
Für die Softwareauswahl wurde ein klassisches, mehrstufiges Vorgehen gewählt, bei dem zunächst gemeinsam mit dem Fraunhofer IML ein detailliertes Pflichtenheft erstellt und an ausgewählte ERP-Anbieter versendet wurde. In einer Vorauswahl wurden zwölf Systeme intensiver auf die Abdeckung der gewünschten Funktionen und Prozesse untersucht, bevor in der finalen Auswahl drei ERP-Systeme intensiv berücksichtigt wurden. Hierbei wurden entsprechende Auswahlworkshops durchgeführt, bei denen die ERP-Hersteller in ihrer Software reale Geschäftsprozesse der WWL nachbilden mussten.

Projektmanagement und Change Management
Das ERP-Projekt war getrieben durch das feststehende Ablaufdatum für die Nutzung des Altsystems. Ausgehend von IT-Abteilung und Geschäftsführung wurde das Projekt vom IT-Leiter unter Hinzuziehen der entsprechenden Abteilungen geleitet. Hierbei wurden Key User aus dem Bereich technische Dienstleistungen einbezogen, die als Fachexperten ihr Wissen beisteuern und zugleich neue Informationen über das Projekt an ihre Kollegen weitergeben konnten.

Der Softwareauswahlprozess wurde Mitte 2004 angestoßen, die finale Entscheidung zu Gunsten von godesys fiel im Frühjahr 2005. Nach der Vorbereitung des ERP-Systems für den Roll-out bei WWL wurden Anfang Dezember 2005 die Altdaten migriert. Anschließend wurde in einem Schritt die gesamte alte Lösung durch das neue System abgelöst (Big Bang-Strategie).

Laufender Betrieb und Weiterentwicklung
Nach der Einführung wurde das godesys-ERP-System laufend im Sinne der individuellen Anforderungen weiterentwickelt. Dabei erwies sich godesys als zuverlässiger Partner, der entsprechende Programmierarbeiten und Reporterstellungen zur Zufriedenheit von WWL durchführt. Mit dem System arbeiten derzeit etwa 60 Nutzer sehr intensiv mittels Terminalserverzugang sowie die Platzmitarbeiter mit ca. 80 mobilen Scannerlösungen. Die individuelle Weiterentwicklung bzw. die Erweiterung der Prozesse von WWL orientiert sich stark an den Möglichkeiten des Systems und die in neuen Releases implementierten Funktionen.

5. Erfahrungen (ex-post Sicht)

Realisierter Nutzen und bewirkte Veränderungen
Mit der Einführung des godesys-ERP-Systems sollte initial der funktionale und prozessuale Status Quo des Altsystems gehalten werden. Nach anfänglich zahlreichen individuellen Customizing-Lösungen sieht WWL heute seine Anforderungen durch das godesys ERP voll abgedeckt. Insbesondere die flexible Realisierung neuer Prozessanforderungen seitens der Kunden von technischen Dienstleistungen können effektiv und effizient über die Workflow-Komponente abgebildet werden.

Nutzerakzeptanz und faktische Nutzung
Das System genießt hohe Akzeptanz im Unternehmen. Die Anwender sehen deutliche Vorteile gegenüber der Altlösung und erkennen zusätzliche Potenziale in der Prozesssteuerung, die sich mit dem godesys-ERP-System nutzen lassen. Hinzu kommt, dass durch die Einführung des Systems zugleich die vorher nur lose an das alte ERP-System gekoppelte Buchführungssoftware durch ein in das godesys-System integriertes Modul abgelöst werden konnte, was zu zusätzlicher Effizienz und Transparenz im Unternehmen führte. Insgesamt hat sich der Informationszugriff stark vereinfacht, zumal die Daten von den Stellplätzen über die angeschlossenen BDE-Geräte in Echtzeit im System verbucht werden können.

Investitionen, Rentabilität und Kennzahlen
Eine eigentliche Investitionsrechnungen (ROI) wurde nicht durchgeführt, da aufgrund des Ablaufdatums des Altsystems keine Wahl bestand, das Projekt nicht durchzuführen. Um den Projekterfolg zu unterstützen und die Kosten im Rahmen zu halten, wurden Fachexperten vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik beim Auswahlentscheid hinzugezogen. Insgesamt hatte das Projekt inklusive der Softwareauswahl ein Budget im höheren sechsstelligen Euro-Bereich.

6. Erfolgsfaktoren

Spezialitäten der Lösung
Das godesys ERP-System zeichnet sich aus Sicht von technischen Dienstleistungen durch ein sehr gutes Service-Management-Modul und einen breiten Funktionsumfang aus. Das integrierte Buchhaltungsmodul bot darüber hinaus die Möglichkeit, eine vorhandene externe Buchhaltungslösung zu Gunsten einer integrierten Lösung abzuschaffen. Zudem lassen sich mit der Workflow-Funktionalität Prozessabläufe individuell steuern. Ruft beispielsweise ein Kunde an, um eine Aufarbeitung und Auslieferung zurückzustellen, kann ein gerade ablaufender technischer Service zur Laufzeit über die Workflow-Komponente gestoppt werden.

Reflexion der Barrieren und Erfolgsfaktoren
Die zunächst als reine Ersatzlösung geplante Einführung von godesys ERP führte dazu, dass WWL nicht nur seinen bisherigen Status Quo halten, sondern auch zusätzlich neue Aspekte in die Geschäftsabläufe integrieren konnte. Aus heutiger Sicht erwies sich die Einführung daher als Glücksgriff, da sie es heute innerhalb eines halben Tages möglich macht, neue technische Abläufe zu definieren und gerade ablaufende Service-Prozesse aus der Software heraus zu stoppen.

Die damaligen Anforderungen ließen sich alle durch das System abdecken, wenngleich dieses mit hohem Customizing-Aufwand und zusätzlicher individueller Entwicklung durch godesys verbunden war. Das angepeilte Projektbudget wurde dadurch leicht überschritten.
Lessons Learned

Durch Einführung der godesys-Lösung sollte ursprünglich die Funktionalität des Alt-Systems gesichert werden. Das godesys-System bot WWL darüber hinaus zahlreiche technologischen Neuerungen und zusätzliche Funktionalitäten, die sukzessive in die Arbeitsabläufe des Unternehmens übernommen werden konnten.
Aus Sicht von WWL erwies sich der Einbezug eines externen Fachpartners für die Softwareauswahl als sehr hilfreich und sinnvoll. Insbesondere das Service Management-Modul des godesys ERP-Systems ist aus Sicht von WWL sehr gut gelungen, da es aufgrund der Funktionalität und von den Abläufen her gut die Prozesse der WWL unterstützt. Die Unterstützung reicht bis zur Anpassung der technischen Abläufe zur Laufzeit, um auf Kundenanruf beispielsweise das Aufbereiten von Fahrzeugen stoppen zu können (Ad-hoc-Prozesssteuerung).

WWL ist insgesamt sehr zufrieden mit dem System. Die Kommunikation zwischen ERP-Entwicklern und WWL verläuft reibungslos, wobei generell gilt, dass Anforderungen in neuen Releases umso besser umgesetzt werden, je detaillierter die Anforderungen spezifiziert werden. Hierbei ist insgesamt eine gute Einbindung der Key User aus den Fachabteilungen wichtig, um Details entsprechend spezifizieren zu können. Darüber hinaus ist auch der Wissenstransfer von den Key Usern zu den normalen Nutzern sehr wichtig, um intern Neuerungen und Änderungen im Rahmen von Softwareupdates weiterzugeben. Nur so kann vermieden werden, dass Nutzer z.B. Systemabläufe so durchführen, wie sie es seit Jahren gewohnt sind, obwohl es auch durch Weiterentwicklung des Systems viel effizienter möglich wäre.

Aktualisiert am 28.08.2013
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